Trainingsmethoden im eSport
Was meinen Profi-Spieler im eSport eigentlich, wenn sie vom Training sprechen? Wie sollte man sich auf wichtige Spiele vorbereiten, wenn man gewinnen möchte? Wichtige Fragen, auf die es bislang keine eindeutigen Antworten gibt. Zu diesem Thema haben wir einen Experten aus der Wissenschaft befragt, der sich mit Trainingsmechanismen und elektronischem Sport auskennt und unter anderem für den deutschen eSport Bund tätig ist.
Dr. Jörg Müller-Lietzkow ist wissenschaftlicher Assistent an der Professur für Kommunikationswissenschaft, insbesondere Ökonomie und Organisation der Medien an der Friedrich Schiller Universität in Jena. Er beschäftigt sich mit der Erforschung der Computer- und Videospiele sowohl aus kommunikationswissenschaftlicher, organisationstheoretischer als auch ökonomischer Perspektive.

Jüngst hat er zusammen mit Prof. Dr. Ricarda B. Bouncken und Prof. Dr. Wolfgang Seufert eine Untersuchung zur Computer- und Videospielindustrie in Deutschland veröffentlicht und ist Herausgeber des eJournals Gamesscience sowie wissenschaftlicher Beirat des deutschen eSportbundes. Neben der Erforschung digitaler Spiele liegen seine Arbeitsschwerpunkte in den Bereichen Organisationstheorie, Medienökonomie und strategisches Management. Er hat in Wuppertal, Köln und Bamberg studiert und in Betriebswirtschaftslehre promoviert.

Wir haben Dr. Müller-Lietzkow auf dem Kids+Games Forums getroffen und dort mit ihm ein Interview geführt. Seine Aufgabe auf dem Forum war es, die Vorträge des Tages zusammenzufassen und sofort im Anschluss den Teilnehmenden zu präsentieren. (Download der Präsentation)

Auf dem Kids&Games Forum 2006 ging es um den Jugendschutz, Lernen mit Computerspielen, eSport als Wirtschaftsfaktor und um die alte Ego-Shooter Diskussion. In unserem Interview beantwortet der Experte ausgiebig Fragen zu Trainingsmethoden im eSport und gibt Ratschläge, wie man sein Trainingsverhalten verbessern kann.

ESL: Wie sieht im Profisport ein Trainingsaufbau aus?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Profisport ist heute ein Milliarden-Dollar-Business, welches extremen Tribut von den Athleten in den hochkommerziellen Sportarten erfordert. Dabei ist der Trainingsaufbau mindestens ein zehnjähriger Weg. Der Aufbau beinhaltet sowohl eine quantitative Steigerung des Trainingsumfangs als auch der Inhalte.

Sehr wichtig, gerade in der Aufbauphase, ist das Training der motorischen Perfektion (Technik), des Grundaufbaus der Physis und die Schulung taktischen Wissens. Nur Athleten, die ganzheitlich ausgebildet werden, schaffen es heute noch in die Weltspitze. Meistens hat ein heutiger Topathlet auch weit mehr als einen Trainer. Hinzu kommen Mentaltrainer, Physiotherapeuten, Stützpunkt- und Bundestrainer etc. Immer maßgeblicher werden dann die Manager, die nicht nur Werbeverträge etc. aushandeln, sondern die auch in den langfristigen Trainingsaufbau eingreifen und die Trainer mit aussuchen. Ein guter Manager hat zumindest einen wie auch immer gearteten unmittelbaren Bezug zur betriebenen Sportart.

Unter zwei Trainingseinheiten können Weltspitzensportler sich heute selten behaupten. Dennoch wissen die Topathleten im Leistungssport, dass die Trainingszeiten nicht länger als max. 120 Minuten (plus Rüstzeit) sein dürfen – ein enger Korridor für konzentrierte Arbeit.

All dies funktioniert nicht ohne Geduld und Talent. Wille allein reicht heute nicht mehr. Da aber echtes Talent rar, die Geduld begrenzt und die Qualität vieler Trainer beschränkt ist, können nur sehr wenige den Olymp erklimmen – aber: Leistungssport ist auch – selbst bei begrenztem Erfolg – ein sehr erstrebenswerter und guter Weg für Kids. Damit meine ich aber explizit nicht den Profisport, sondern den Pfad (also Leistungssport) dahin.

ESL: Was ergab Ihre Studie zum Thema Training im eSport im letzten Jahr?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Der – leider der – eSportler ist im Durchschnitt 19, männlich, sozial aktiv, kommunikativ und eigentlich „ganz normal“. Erschreckend allerdings ist sein Wissen und die Umsetzung von Training und Wettkampf. Hier befindet sich eSport noch im Eis vor der Steinzeit. Acht bis zwölf Stunden mit dem Team sind für viele schon die Krönung – und dabei möglichst ungesunde Ernährung und kaum Kompensation (nur 50% betreiben Kompensationssport). Trainer sind bei vielen unbekannt – gar unerwünscht. Ein strukturierter Aufbau mit entsprechenden Inhalten verpönt.

Zwei Forderungen resultieren aus der Studie: Erstens benötigen wir eine echte Trainerausbildung, die dem eSport gerecht wird. Zweitens denke ich, dass der eSport den Umgang mit den Sportlern als Sportler erlernen sollte. Nehmen wir die beiden Schellhase-Zwillinge – hier ist vieles aufgrund des Wissens aus dem „normalen“ Sport richtig gemacht worden. Übrigens decken sich meine Ergebnisse mit den Erkenntnissen der Game Research eSportstudie aus 2002 und der Studie von Janz & Martens aus 2005. Dies zeigt: International – und Profisport ist heute ein globales Phänomen – hinken wir wenigstens nicht hinterher. Ausnahme ist hierbei sicherlich Korea, aber das brauche ich nicht wirklich erklären.

ESL: Was plant der ESB mit den Trainingsstationen in InternetCafés?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Der ESB plant derzeit eine ganze Reihe von guten und richtigen Dingen. U. a. sind auch Trainingscenter im Gespräch. Ein solches Instrument ist ein sehr starkes und kann erheblich zur Verbesserung des eSports in Deutschland beitragen. Davor steht aber meiner Meinung nach die Schaffung einer Trainingslehre, eine Beschreibung, was wie wo wann mit wem warum mit wem trainiert werden soll. Wenn wir blind in Internetcafés gehen und dort ein Schild aufstellen, wird uns dies keinen Fortschritt bringen.

Wenn wir wirklich Anerkennung und „Professionalität“ wollen, müssen wir den Mut haben erst a und dann b sagen, denn ansonsten bleibt es beim eSport als reinem Spielen – was übrigens von vielen Befragten als Training angegeben wurde. Neben der Trainingslehre dürfen wir natürlich keinesfalls die Trainer vergessen. Ich bin aber frohen Mutes, dass wir hier – auch wenn es bei den ersten Jahrgängen noch holpern wird – schnell ein adäquates und nachhaltiges System etablieren können.

ESL: Was müssen Trainer mitbringen, wenn sie im eSport agieren wollen?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Mitbringen muss ein Trainer im eSport vor allem drei Dinge: Passion, Führungsstärke und Wissen. Passion meint die Hingabe zur Aufgabe unter besonderer Berücksichtigung der Anforderungen des eSports. Hierbei sollte nicht Passion mit Exzess verwechselt werden. Auch Trainer brauchen „Belastungs- und Erholungsphasen“. Führungsstärke meint, dass weder jeder zum Spieler noch jeder zum Trainer geboren wurde. Training hat sehr viel mit Leadership zu tun – und das bei eSport in einem virtuellen Raum. Selbst in der freien Wirtschaft beherrschen diese Kunst nur sehr wenige. Aber es geht: Wenn man sich über Führungsmodelle, virtuelle Strukturen und Psychologie schlau macht.

Schließlich Wissen. Nur der Kompetente wird in der Lage sein kompetent zu unterrichten. Dabei kommt es aber in keiner Minute allein darauf an, ob der Trainer z. B. selbst ein nationaler oder internationaler Spitzenspieler gewesen ist. Wichtig ist, dass er das Wissen in den entsprechenden Vermittlungsmodellen an die Spieler tragen kann.

ESL: Wie sollte das Training eines eSport Squads aufgebaut sein?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Man sollte sich vor allem darüber im Klaren sein, dass bei aller Virtualität zukünftig soziale Strukturen nicht über Board zu schmeißen sind. Ein gutes Squad benötigt eine Mischung aus virtuellem und realem Training. Hier bietet es sich an, Trainingsinhalte gemeinschaftlich festzulegen, die einzelnen Spezialrollen einzutrainieren und auch auf der menschlichen Ebene durch Ausgleichssport, soziale Aktivitäten etc. zusammen zu wachsen. Wirklich erfolgreiche Sportteams werden im Teamtraining erst richtig stark. Hierzu gibt es einige wirklich interessante Bücher aus den USA von z. B. von Syer.


ESL: Würden sich z.B. CS und WCIII im Training unterscheiden?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Wenn man Doppel im Tennis spielt ist dies auch anders als Einzel. Insofern müsste man überlegen, ob ein CS Squad, also einem 3D-Shooterspiel jeder Art einen hohen Anteil spezifischer Anforderungen erfüllen muss, oder ob die allgemein vermittelbaren Anteile – z. B. Maus, Tastaturtechniken, visuelle Erfassungsgabe, Schnelligkeit etc. – überwiegen. Dies kann man sicherlich gemeinschaftlich erarbeiten. Bestimmt unterscheiden wird sich das Kommunikationstraining – hier müssen die Spieler sehr präzise Kommandos geben und insofern reicht ein einfaches Teamspeak-Training nicht.

ESL: Welches sind die gröbsten Fehler, mit denen man das Training zunichte machen kann?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Zu viel Training - hört endlich auf, acht Stunden zu spielen und dann nach der Pizza noch eine Runde draufzulegen. Das Problem ist, dass die neuronalen Nervenbahnen dies alles nur sehr begrenzt verarbeiten können.
Ein weiteres Problem ist die Disziplin. Es reicht nicht, drei Wochen wie wahnsinnig Stunde um Stunde zu spielen, und dann wieder vier Wochen Pause einzulegen. Training (z. B. 3-4 Trainingseinheiten pro Woche von je 2 bis 3 Stunden) halte ich für vertretbar, wenn dazu noch Ausgleichssport und ggf. LAN-Turniere am Wochenende kommen.

Wirklich problematisch ist es übrigens – genauso, wie im traditionellen Sport – mit Verletzungen (z. B. Sehnenscheidenentzündungen) leichtfertig umzugehen. Feines und ausbalanciertes Spielen bedarf eines funktionsfähigen feinmotorischen Bewegungsapparates. Wer das nicht berücksichtigt, bekommt Probleme.

Schließlich sollten Spieler auf Ergonomie achten. Viele spielen wie Neandertaler und bekommen nicht ohne Grund schon in jungen Jahren Haltungsprobleme, dauerhafte Kopfschmerzen etc. Hier gilt: Investiert lieber mal in gute Bildschirme, ergonomisch durchdachte Controller und einen vernünftigen „Spielplatz“ mit einem guten Stuhl o. ä. Mit solchen Kleinigkeiten (kosten meist nicht mehr als die schlechten Produkte), kann man wesentlich mehr erreichen als mit immer der allerneuesten Grafikkarte.

ESL: Kann man vom Training am Computer krank werden? Sollte man Ausgleichssport treiben?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Ausgleichssport ist Pflicht – keine Option. Dies hängt aber weniger mit pathologischen Befunden als der Frage der Leistungsfähigkeit zusammen. Wenn ein Mensch im Büro mehr als sagen wir 12 Stunden am Rechner sitzt und arbeitet, wird er, sollte er keinen Ausgleichssport betreiben, negative Effekte feststellen. Seine Leistungsfähigkeit wird langfristig leiden – egal ob er sehr gut oder nur mittelmäßig ist. Noch viel gravierender wirkt sich mangelnde Bewegung bei eSportlern aus. Nehmen wir ein weiteres Beispiel: Nahezu alle Schachprofis beherrschen mindestens eine weitere Sportart auf einem sehr hohen Niveau.

Anatoli Karpow war z. B. ein geachteter Tennisspieler. Krank wird man, so der erste Teil der Frage, nicht unbedingt von den Spielen, wohl aber entsprechend schlechter Ernährung bei Turnieren.

ESL: Hat eSport einen förderlichen Effekt für die Seele, den anderer Sport nicht hat?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Keinen. eSport ist eine Freizeitbeschäftigung, wie viele andere auch. Wer eSport betreibt, hat ein Motiv, welches er darin zu befriedigen sucht. Die Gratifikation, die der Spieler aus dem Spiel zieht ist ebenso individuell, wie bei anderen Sportarten auch. Marathonläufer z. B. suchen häufig den Läufer-Flow. Dieses Flow-Gefühl kann man aber auch beim Windsurfen oder eSport haben.

Anders herum gibt es die undankbare und wenig fruchtbare Diskussion über den Zusammenhang von gewalthaltigen Spielen und Gewalt in der Realität. Wenn man dies mal bei Boxern oder Eishockeyspielern untersuchen würde, denke ich, dass die im Sport angewandte Gewalt auch nicht zwingend Auswirkungen auf das reale Leben dieser Sportler hat. Die Welt ist hier vielschichtiger, als vielfach akzeptiert.

ESL: In Korea trainieren die Spieler die Profispieler den ganzen Tag und machen nur zum Essen und für ein wenig Training am Laufband eine Pause. Ist das eine gute Trainingsmethode?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow: Nein. Ich habe nichts gegen eine gelegentliche (also mal im Vierteljahr eine) 12 Stunden Session. Ansonsten denke ich, überbelasten diese Spieler ihre Nervensysteme und auch ansonsten ihre Physis vollkommen und unnötig.

Trainingsumfang war – egal in welcher Sportdisziplin – nie der alleinige Erfolgsfaktor. Die Reihenfolge – und dies gilt nahezu für alle Lern- und Trainingsprozesse – ist immer erst „Qualität“ und dann „Quantität“. Ein Beispiel aus dem Badmintonsport: Wir wissen, dass Spieler in Asien noch mehr Stunden trainieren als in Europa. Dennoch können die Europäer auch international mithalten. Im Gegensatz zu den Asiaten aber, die meistens nur drei bis vier Jahre Erfolge feiern, sind die Europäer jahrelang mit in der Weltspitze vertreten. Ich denke, dies sagt vieles.

Darüber hinaus denke ich, dass unsere Kultur sehr viel mehr Pluralismus erlaubt. Leistungssport – ja, Leistungswahn – Nein, lautet die sehr kurze Formel hierzu.

ESL: Spielen Sie selber Computerspiele und trainieren Sie auch?

Dr. Jörg Müller-Lietzkow:Hier muss man (leider) unterscheiden zwischen privatem und professionellen spielen. Ich spiele heute vor allem aufgrund meiner beruflichen Situation sehr viele Spiele mit einem gezielten inhaltlichen Fokus. Für unser Buch über die Computer- und Videospielindustrie z. B. habe ich ca. 120 Spiele komplett gespielt (mit Cheats). Danach hatte ich allerdings erst mal keine Lust mehr.
Denke ich aber in meine Schul- und Studentenzeit zurück, haben auch wir viele Vorläufer des eSports im Turniermodus gespielt und wir haben in einem weiten Sinn auch trainiert. Vor allem Soccer 64 – für die, die es noch kennen sollten, ein Spiel auf dem Commodore 64 welches nächtelang gefesselt hat – welches heute in FIFA sein Pendant hat, war ein Topspiel.

Darüber hinaus haben meine Freunde und ich sehr viel Archon (Kampfschach) und Pit Stop (Formel 1) gegeneinander gespielt. In den 90er Jahren gab es mehr als eine Doom-Session sowie Command & Conquer Nights. Anfang 2000 hatte ich mit Partnern zusammen ein Unternehmen und wir haben als Betriebssport schon mal häufiger klassisches Bowlen gegen CS-/UT-Nächte getauscht. Allerdings wollten meine Mitarbeiter ungern gegen den Chef verlieren – daher haben wir irgendwie aufgehört … Heute bin ich a) zu langsam und b) würde ich bei dem Zeitengagement, welches für ein adäquates Niveau nötig ist, einfach nicht mehr die Zeit aufbringen können. Wie die Beispiele vielleicht auch gezeigt haben, ist eSport viel älter als dies immer behauptet wird. eSport hat für mich mit Pong begonnen, berücksichtigt man die zahlreichen Turniere, die es hierzu in den Vereinigten Staaten von Amerika gegeben hat.

Derzeit spiele ich übrigens Need for Speed erneut und überlege, da mal in einer Liga zu fahren. „Fraggen“ werde ich nur noch mit mindestens „über 30“-jährigen Egoshooter-Fans, denn dann herrscht Waffengleichheit.

ESL: Danke für das Interview!
711308, Friday, 06/10/06 12:53
  Links
Deutscher Esport Bund
Kids+Games Forum
 
comments (212)
 
 
  <<12345>>  
"habe ich ca. 120 Spiele komplett gespielt (mit Cheats)"

kkthxbye!
find ich jetzt nicht so toll
 
  <<12345>>  
 
 
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